Ein Sozialdemokrat mit Haltung

Wahlkreis

Christian Ude adelt Josef Billinger als Vorbild für alle jüngeren SPD-Mitglieder

Vilsbiburg. Seit 60 Jahren gehört Josef Billinger der SPD an, die Hälfte dieser Zeit war er Bürgermeister der Stadt Vilsbiburg. Es ist wohl auch das Verdienst seiner herausragenden Arbeit, dass der SPD-Ortsverband mit seinen rund 100 Mitgliedern der größte im Landkreis Landshut ist. Zur Ehrung des verdienten Mitglieds, der auch Ehrenbürger der Stadt Vilsbiburg ist, war am Donnerstagabend kein Geringerer als der frühere Oberbürgermeister von München, Christian Ude, in den Saal der Volkshochschule gekommen.

Es gebe ja erstaunliche Parallelen zwischen München und Vilsbiburg, sagte Ude zum Einstieg: Denn im Kommunalwahlkampf 1960 trat hier wie dort ein junger Bürgermeister-Kandidat der SPD mit einer damals chicen dunklen Brille an, dunklem Haar, mit Erfahrung aus der Verwaltung wie aus der Privatwirtschaft. Beide profitierten davon, dass die stärkste Partei vor Ort, die CSU, gerade zerstritten war, und beide verfolgten unter anderem eine moderne Wohnungsbaupolitik, um aus ihren etwas verschlafenen Städten zeitgemäße Zentren zu machen. In München hieß der Mann Hans-Jochen Vogel, in Vilsbiburg Josef Billinger.

Was Ude nicht wusste, aber von Billinger in dessen Replik erfuhr: Die beiden kannten und schätzten sich, und Vogel war mehrmals in Vilsbiburg, um dort den Genossen im Wahlkampf beizustehen. Und ja, er habe den Rat Vogels beherzigt, so viel Bauland zu erwerben, wie es nur möglich war.

Nun sei es in Bayern so, fuhr Ude fort, dass Bürgermeisterkandidaten der SPD nur dann eine Chance haben, wenn sie weit über ihre eigene Partei und deren Anhängerschaft hinaus überzeugen, wenn also ihre Reichweite größer ist als die der SPD. Es sollte den Genossen also ein permanenter Ansporn sein, solche Leute zu suchen, die im vorpolitischen Raum Anerkennung und Vertrauen erworben haben: „Aber oft wird in den Hinterzimmern darüber debattiert, ob so einer in allen Punkten mit allen Parteitagsbeschlüssen übereinstimmt, ob er jedem Ortsverein Genüge tut und bei jeder Arbeitsgemeinschaft brav Männchen macht – und weniger, ob er auch außerhalb unserer Reihen Strahlkraft entwickelt und überzeugt.“

Fünf Wahlperioden

Dass Josef Billinger dies konnte, sei durch seine Wahlergebnisse hinlänglich bewiesen. 30 Amtsjahre bedeuten fünf Wahlperioden, also vier gewonnene Wiederwahlen. Da sei ihm Billinger voraus, denn er selbst habe nach dem dritten Mal altersbedingt nicht mehr kandidieren dürfen, sagte Ude. Billinger habe sich in diesen 30 Jahren um wirklich alles gekümmert, die Stadt weit vorangebracht und eine Leistung gezeigt, die in der Bevölkerung hoch anerkannt ist und über die selbst der politische Mitbewerber nur positive Worte findet. Konsequenterweise hat die CSU bei den letzten drei Wahlen keinen Gegenkandidaten zu Billinger aufgestellt – was für diesen selbst die höchste Auszeichnung war, wie er später anmerkte.

Christian Ude würdigte auch Billingers Haltung nach dem Ende seiner Bürgermeistertätigkeit. Denn es seien Beziehungskisten eigener Art, wie ehemalige Würdenträger ihrer Partei verbunden bleiben. Da gebe es welche, die ihrer Partei dann vorwerfen, nur noch graue Mäuse zu präsentieren, und keine so prachtvollen Kerle, wie man selber einer gewesen ist, witzelte Ude. Oder andere, die sich nur noch giftig-gallig über die eigene Partei äußerten.

Billinger sei ein Altmitglied – er dürfe das so sagen, so Ude, „denn wir sind beide Altbürgermeister und tragen es mit Fassung“ –, das der SPD über das eigene Mandat hinaus die Treue gehalten habe. Er sei ein wohlwollender Förderer und Begleiter der eigenen Partei geblieben, die es in ganz Bayern, und in Niederbayern im Besonderen, nicht ganz einfach habe. Und dafür sage er ihm persönlich Dank: „Solche Vorbilder brauchen wir. Solche Granitfelsen in der Landschaft, die sich nicht durch negative Meinungsumfragen oder konservative Stimmungswellen wegschwappen lassen, sondern die zu ihrer Haltung und ihrer politischen Position stehen.“

Damit seien sie ein Vorbild für alle anderen, die später eingetreten sind. „Ich glaube, dass diese Tugend, nach der eigenen Amtszeit dem eigenen Laden die Treue zu halten, fast noch seltener ist, als Verdienste im Amt zu erwerben.“

Diese Einstellung zur Sozialdemokratie sei nicht bequem, gerade dort, wo sie Diaspora sei – und er selbst sei als SPD-Mitglied, als Protestant in einer tief katholischen Stadt und als Fan des TSV 1860 München dreifach in der Diaspora, sagte Ude unter dem Beifall der Zuhörer. So viel Haltung weise auf eine besondere Charakterstärke hin, sich nicht dem stärkeren Wind zu beugen. „Ich wünschte mir, wir hätten mehr solche Repräsentanten der SPD in Bayern.“ Noch sei es so, dass er zu mancher Ehrung hinfahren könne: „Das zeigt, die Zahl ist überschaubar.“

Ude nutzte seine 40-minütige, frei gehaltene Rede auch dazu, die Sozialdemokraten auf absehbare, schwierige Zeiten vorzubereiten. Denn in einer großen Koalition mit Angela Merkel, das zeigten die Erfahrungen, habe es der „Juniorpartner“ schwer, auf die eigenen Erfolge aufmerksam zu machen. Und dies falle der SPD im Vergleich zu anderen noch schwerer, weil viele Genossen dazu neigten, selbst die echten Erfolge kleinzureden. Es gebe kaum jemanden, der so gern über die SPD nörgelt, wie die SPD-Mitglieder selber.

Am Beispiel des Mindestlohns und der Mietpreisbremse zeigte Ude auf, dass es der SPD in der aktuellen Regierungskoalition gelungen sei, teilweise jahrzehntealte Forderungen zu realisieren – natürlich nicht bis ins letzte Detail. So wurden bei der Mietpreisbremse die Neubauten ausgenommen, das seien etwa ein Prozent der Mietobjekte; aber für den Rest des Wohnungsbestands gelte es, dass die Mieten nur noch in marktüblicher Form ansteigen können. „Und wegen dieses einen Prozents ist das alles Mumpitz und Unfug“, polterte der Redner. Und auch bei der bevorstehenden Einführung des Mindestlohns, über den man seit Jahren mit den Konservativen und den Liberalen gestritten habe, gelingt es nicht, dass sich die Genossen darüber begeistert zeigten – nur weil es einige Ausnahmen gebe.

Warum sollten uns die Bürger wählen ?

Wer seine Erfolge selbst so schlecht rede, müsse sich fragen lassen: „Warum sollen uns die Bürger dann wegen dieser jahrzehntelang geforderten Verbesserungen beim nächsten Mal wählen ?“

In seiner Replik machte Josef Billinger, der mit seinen 85 Jahren noch erstaunlich gut beieinander ist, deutlich, welche Freude ihm die Ehrung und insbesondere der Laudator gemacht hätten. Er wirkte dabei fast ein wenig verlegen darüber, dass er, der Sohn eines Sozialdemokraten, erst mit 25 aktiv in diese Partei eingetreten ist.

 

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